• Pascal Hügli

Zur Schizophrenie des Kryptomarktes

Aktualisiert: Aug 8

Negative Funding Rates, deflationärer Ether, Entwickler-Zufluss, On-Chain-Analyse, Whale-Watching, DeFi-Aggregatoren, Krypto-Debit-Karten


Market Update

An den Kryptomärkten dominiert derzeit wieder die Schizophrenie. Gewisse Twitter-Influencer sehen Bitcoin unter die 30k-US-Dollar-Marke fallen und liebäugeln daher mit Preisen um die 15k USD. Andere sind der festen Überzeugung, dass Bitcoin seinen Boden gefunden hat. Eine dritte Gruppe ist eher indifferent und glaubt, dass der Bitcoin-Preis sich weiter zwischen 32k und 36k bewegen dürfte.


Wer am Ende recht behalten wird, kann nur die Zukunft zeigen. Sicher ist allerdings: Je länger sich Bitcoin in einem engen Preis-Korridor bewegt, desto wahrscheinlicher ist, dass das Kryptoasset plötzlich ausbrechen wird – gegen oben oder unten. Für ein Ausbrechen des Preises nach oben sprechen die «Funding Rates» von «Perpetual Futures». Bei Letzterem handelt es sich um Finanzderivate, mit denen auf den Bitcoin-Preis gewettet wird.


Seit Mitte Mai sind diese Funding Rates fast durchwegs negativ. Das heisst: Trader, welche Bitcoin shorten und auf fallende Preise wetten, müssen jene Trader bezahlen, die auf einen steigenden Bitcoin-Preis hoffen. Historisch waren derart lange Perioden negativer Funding-Raten stets ein bullisches Zeichen für den Bitcoin-Preis.


Alle hoffen also auf Bitcoin. Denn noch immer hängt der Kryptomarkt von Bitcoin ab. Vielleicht ist es aber auch Ethereum, das neue Begeisterung auslösen könnte. So wird die zweitgrösste öffentliche Blockchain im August mit dem London Fork ein grundlegendes Update erhalten. Die Änderung – allen voran das EIP-1559 – soll Ether langfristig deflationär machen – ein Umstand, den viele als bullisch für dessen Preis erachten.


Darüber hinaus verfügt Ethereum inzwischen über immer mehr Skalierungslösungen. Die prominentesten sind Arbitrum und Optimism. Während erste Projekte bereits auf diese Skalierungslösungen setzen, könnten schon bald auch DeFi-Riesen wie Uniswap auf Arbitrum laufen. Als Folge dieser Entwicklungen dürften günstigere Gebühren sowie höhere Transaktionsgeschwindigkeit der DeFi-Welt weiter Aufwind verleihen. Nicht auszuschliessen ist, dass uns, wo der Sommer hierzulande bislang schlecht ausfällt, zumindest in der virtuellen Welt ein DeFi Summer 2.0 bevorstehen könnte. Die DeFi-Bluechips jedenfalls haben sich von ihren Tiefs erholt.


Dem entgegenwirken tun die zahlreichen Vorstösse gegen die grösste Kryptohandelsbörse. So haben sich Länder wie Grossbritannien, Thailand, Singapur oder Japan kritisch zu den Tätigkeiten von Binance geäussert und der Börse teils Aktivitäten untersagt. Handelsplätze wie Binance spielen noch immer eine wichtige Rolle dabei, neue Nutzer in die Krypto- und DeFi-Welt hineinzubringen.


Dass der Stein rund um diese neue Welt dennoch ins Rollen gekommen ist, zeigt das Wachstum unterschiedlicher Entwickler-Communities. Immer mehr Blockchain- und DeFi-Protokolle schaffen es, immer mehr Entwickler anzuziehen. Das Jahr 2020 hat zu einer regelrechten Explosion geführt und auch in diesem Jahr bleibt das Engagement hoch. Der Zufluss immer neuer Entwickler garantiert, dass die Protokolle stetig besser werden, wodurch wieder neue Nutzer angezogen werden. Entscheidend ist auch: Wer einmal ins sprichwörtliche «Crypto Rabbit Hole» gefallen ist, wird nicht mehr so schnell rauskriechen.



On-Chain-Analysis: Eine Einführung

In dieser Rubrik fühlen wir jeweils den Puls einzelner öffentlicher Blockchains. Dank On-Chain-Datenanalyse erhalten wir einen vertieften Einblick darüber, was auf der Blockchain geschieht. Das erlaubt es uns, Rückschlüsse zu ziehen und über potenzielle Preistrends zu spekulieren.


Anders als in der traditionellen Finanzwelt steht uns in der Welt von Blockchain bei der Analyse des Marktes ein zusätzliches Instrument zur Verfügung – Die On-Chain Analyse.


Krypto-Handelsbörsen wie bspw. Coinbase, Binance oder FTX gehören zu den wichtigsten Treibern der Krypto-Welt. Sie sind der Ort, wo der Grossteil der Transaktionen und der Preisfindungsprozess stattfindet. Dies, in Kombination mit der öffentlichen Einsehbarkeit der Bitcoin-Blockchain, hilft uns, dass wir jederzeit wichtige Kennzahlen über das aktuelle Geschehen am Markt herauslesen können. Durch die sogenannte On-Chain Analyse können wir bspw. die auf Börsen gehaltene Menge an Bitcoin oder die Anzahl BTC, welche von Börsenadressen hin- und wegfliessen nachverfolgen. Diese Daten liefern uns wichtige Informationen über die im Markt vorhandene Liquidität, das Verhalten von Investoren sowie die Angebotsseite des Marktes. Wir können also durchgeführte Transaktionen auf Herz und Nieren prüfen.


Typische Metriken, welche wir beobachten können, sind:

  • Anzahl Coins, welche auf den Adressen der Börsen gehalten werden (Grafik 1)

  • Volumen an Coins, welche zu- und wegfliessen von diesen Adressen (Grafik 2-4)

  • Die Anzahl von auf diesen Adressen stattfindenden Ein- und Auszahlungen


Grafik 1 zeigt uns die auf den Börsen gehaltenen Reserven: Diese liefern uns wichtige Informationen über die Angebotsseite des Marktes. Erschöpfen die Reserven (wie dies bspw. der Fall war von Dezember 2020 bis Mitte April 2021) ist dies ein Indikator für eine aktuell bullische Anlegerstimmung; es werden mehr Coins nachgefragt, als dass neue zu den Adressen der Börsen fliessen. Aktuell erkennen wir: Der BTC-Zufluss zu den Börsen war von April bis Mai stark bearish. Gegenwärtig tendiert dieser aber wieder gegen unten.

Grafik 1 zeigt die Anzahl auf Börsen gehaltene Coins (alle Börsen kombiniert).



Grafiken 2-4 zeigen eine Übersicht über das Transfervolumen. Welche Implikationen das genau mit sich bringt, erfährst du unten.

Grafik 2 zeigt das Netto-Transfervolumen aller Kryptobörsen.


Grafik 3 zeigt das Börsen zufliessende Transfervolumen.


Grafik 4 zeigt das Börsen abfliessende Transfervolumen.


Werden Coins von Börsen abgezogen, kann dies bedeuten, dass Investoren diese zur langzeitigen Selbstverwahrung abziehen (bspw. werden die Coins in ein sog. Hard-wallet abgezogen, wo sie mit erhöhter Sicherheit offline aufbewahrt werden können). Dies ist ein Anzeichen für eine bullische Anlegerstimmung, da das Abziehen der Coins als Indikator gesehen werden kann, dass der Investor die Coins auf lange Frist halten möchte. Am Markt herrscht somit eine positive Überzeugung im Hinblick auf den zukünftigen Wert von Bitcoin.


Zuflüsse von Coins an Börsenadressen können dagegen indizieren, dass Investoren durch den Verkauf von Coins Profite realisieren und ihr Portfolio rebalancieren, was auf eine erhöhte Handelsaktivität hinweisen kann.


Neben diesen Börsenmetriken existieren noch unzählige weitere Faktoren, welche wir On-chain beobachten können. Spannend zu beobachten sind etwa Vergleiche von lang- und kurzfristigen Besitzern von Bitcoin (siehe Grafik 5) oder die Wachstumsrate von neuen Adressen auf der Blockchain, welche Bitcoin halten (siehe Grafik 6).


Extrem gut zu sehen hier ist das fast schon spiegelverkehrte Verhalten der kurz- und langfristigen Bitcoin-Besitzer. Die Besitzer von BTC-Adressen, die länger als 150 Tage existieren (Definition von glassnode für Langzeitbesitzer) scheinen gerade in Zeiten eines Bärenmarktes stetig neue Coins zu akkumulieren, während sie die Gesamtsumme der gehaltenen Coins in Bullenmärkten reduzieren und Profite realisieren.


Grafik 5 vergleicht das unterschiedliche Verhalten von kurz- und langfristigen Besitzern von BTC.


Dass neue Bitcoin-Besitzer dazukommen, ist ein Indiz auf eine aktuelle positive Stimmung am Markt. Dieses zusätzliche Interesse stärkt den Netzwerk-Effekt von Bitcoin.


Grafik 6 zeigt die Anzahl neuer BTC Adressen in Relation mit der Preisentwicklung in USD.


Interessant ist auch die Grafik, welche das Verhalten von Bitcoin-Adressen mit 1’000 - 10’000 BTC (genannt Whales) festhält. Dank On-Chain Analyse erfahren wir, ob Whales aktiv sind. Nachdem Retail-Investoren in den vergangenen Wochen stark gekauft haben, sehen wir alleine in dieser Woche die Geburt von 17 neuen Whales auf der Blockchain. Der gesamte Bitcoin-Bestand aller Whales hat in dieser Zeit um 65’429 BTC zugenommen.


Grafik 7 zeigt Bitcoin-Whales, die zwischen 1’000 - 10’000 BTC halten.


Auch wenn das Vorgehen für eine zuverlässige On-Chain Analyse auf den ersten Blick relativ simpel erscheinen mag, gibt es dennoch einige unerwartete Hürden zu überwinden. Möchte man etwa die Adressen einer bestimmten Börse nachverfolgen, merkt man schnell, dass verschiedene Probleme auftreten können: So kann es vorkommen, dass eine einzelne Börse über 100’000 aktive Adressen nutzt und diese alles andere als statisch sind. Die einer Börse zugeordneten Adressen können also konstant wechseln. Dies kann dazu führen, dass nicht jede einzelne Transaktion korrekt zugeordnet werden kann. Dennoch kann gesagt werden, dass durch On-Chain Analyse erlangte Börsenmetriken im Grossen und Ganzen vollständig sind und Investoren, Tradern und Researchern seit Jahren wertvolle Informationen liefern.


Durch On-Chain Analyse ist es also möglich, Zugang zu komplett neuen, unveränderbaren Daten des Marktes zu erhalten. Daher sollten sie Teil eines jeden Investoren-Toolkits sein. In zukünftigen Ausgaben von Insight DeFi werden wir dir daher die aktuellsten Daten von On-Chain-Metriken liefern, sodass du immer bestens informiert bist.


Wer sein Vermögen lieber verwaltet haben möchte, können wir ab CHF 50k an einen professionellen Krypto-Vermögensverwalter aus unserem Netzwerk vermitteln.



Deep Dive: One-Stop-Shops für DeFi-Anwendungen

Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Aggregatoren. Gemeint sind die Amazons, die Ubers oder die Netflix dieser Welt. Ob wir online shoppen, eine Mitfahrgelegenheit buchen oder einfach eine Serie schauen, alles läuft über diese Plattformen.


Auch in der DeFi-Welt kristallisieren sich bereits die ersten Plattformen heraus. Neben den sogenannten «Yield Aggregators» sind für einen Nutzer vor allem dezentralisierte Applikationen (dApps) interessant, über deren Benutzeroberfläche man die unterschiedlichen DeFi-Protokolle und deren verschiedenen Angebote direkt nutzen kann. Die drei bekanntesten Lösungen in diesem Bereich sind Instadapp, Zapper und Zerion.


Instadapp verfügt als einzige dieser Lösungen über einen eigenen Token. Dieser dient als Governance-Token für das eigene Instadapp-Protokoll. Dabei handelt es sich um sogenannte «Middleware», welche es noch einfacher macht, verschiedene DeFi-Protokolle so effizient wie möglich zu verbinden. Auch spannend an Instadapp: Die Lösung verfügt über einen «Simulation Mode». Mit Test-Token können somit alle Funktionalitäten, welche die Applikation bietet, vorweg getestet werden. Wer also schon immer mal 100 ETH zum testen haben wollte, der muss sich Instadapp unbedingt anschauen.


Zapper wird seinem Namen denn auch so richtig gerecht. Mit dieser Lösung kann man mit wenigen Clicks bequem durch alle möglichen Liquiditätspools zappen. Anders als die beiden anderen Aggregatoren erlaubt einem Zapper heute schon, seine Kryptoasset in sogenannten «Liquidity Farms» anzulegen. Hier profitiert man als Investor nicht nur von Liquiditätsgebühren, die man einnimmt, sondern es winken auch andere Vorteile wie Governance-Token und somit Stimmrechte in neuen Protokollen. Aus Schweizer Sicht ebenfalls cool: Man kann seine Kryptoassets im Schweizer Franken anzeigen lassen.


Der dritte Aggregator im Bunde ist Zerion. Das Projekt hat erst gerade über 8 Millionen US-Dollar in seiner Serie A Finanzierungsrunde gesammelt. Damit soll unter anderem die Integration von Second-Layer-Lösungen wie Polygon vorangetrieben werden – ein Angebot, das die anderen beiden Aggregatoren bereits führen. Sehr benutzerfreundlich ist die Übersicht, welche Zerion bietet. So kann beispielsweise direkt in verschiedene DeFi Indizes investiert werden.


Hands-on: DeFi einfach gemacht


Hot Topic: Mit Krypto bezahlen? Ja doch!

Es ist eine der heiss geführten Diskussionen in der Kryptowelt: Sind Kryptowährungen ein Zahlungsmittel oder nicht? Die eine Seite argumentiert, dass sich Bitcoin und vielleicht auch andere Kryptoassets gerade als Wertaufbewahrungsmittel etablieren. Jetzt, wo Bitcoin seine sogenannte Monetarisierungsphase durchläuft, würde es wenig Sinn ergeben, damit Dinge bezahlen zu wollen. Die deflationäre Entwicklung von Bitcoin hat zur Folge, dass man sich über eine Ausgabe aufregen wird, weil die bereits ausgegebenen Coins plötzlich viel mehr Wert haben.


Die Gegenseite führt ins Felde, dass Kryptowährungen sehr wohl als Zahlungsmittel dienen sollen, denn nur so haben sie auch tatsächlich einen Nutzen. Auf solche Aussagen stürzen sich dann genüsslich die Kritiker von Kryptos, die ihnen vorwerfen, kaum irgendwo direkt als Zahlungsmittel akzeptiert zu sein. Kryptos sind eben kein Geld, so der kritische Einwand.


Insbesondere letztere Beobachtung stimmt natürlich – Kryptowährungen sind tatsächlich nicht allgemein und direkt akzeptiertes Zahlungsmittel. Das heisst aber nicht, dass man sie nicht ausgeben kann, wenn man denn wollte. Ein heute populärer sowie pragmatischer Weg ist das Verwenden einer der vielen Krypto-Debit-Karten, die es gibt. Diese erlauben es einem, Kryptos auf dem Smartphone zu besitzen und diese so ziemlich überall auszugeben – ob für einen Kaffee, ein Zugticket oder ein Abendessen.


Dieses Geschäfts boomt. Erst kürzlich hat Visa verlauten lassen: Das Zahlungsnetzwerk arbeitet mit über 50 Kryptoplattformen zusammen. Die über eine 1 Milliarde Dollar, die in der ersten Hälfte dieses Jahres über Krypto-Visa-Karten ausgegeben worden sind zeigen, dass für das Bezahlen mit Krypto durchaus eine Nachfrage vorherrscht. Kryptoriesen wie Binance oder Coinbase bieten ihre eigene Karte an. In den USA zudem an den Start gegangen sind die Lösungen von Gemini und BlockFi – beide bieten sie attraktive Cashback-Lösungen. Das heisst, wer mit ihrer Karte bezahlt, kriegt bei dem Einkauf einen kleinen Betrag in Bitcoin oder einer anderen Kryptowährung zurück.


Auch in Europa gibt es derartige Angebote. Zum Beispiel Wirex, Bitpanda, Monolith oder Eidoo. Für Schweizer Bürger sind diese Lösungen jedoch allesamt nicht nutzbar und das obwohl Eidoo sogar eine Schweizer Firma ist.


Bleibt es Schweizern also verwehrt, auf diese Weise ihre Kryptos auszugeben? Nein. Vereinzelte Lösungen gibt es. So zum Beispiel Nuri, das dem deutschen Unternehmen Bitwala gehört. Nachdem man ein Bankkonto bei Nuri eröffnet hat, kann man sich die Krypto-Debit-Karte bequem nachhause schicken lassen. Ebenfalls für Schweizer zugänglich ist die Lösung von Crypto.com. Das Unternehmen gehört zu den grösseren in diesem Marktbereich und bietet ihre Karte schon länger an. Beeindruckend sind die vielen verschiedenen Varianten, Vergünstigungen und Rewards, welche Crypto.com bietet. So beeindruckend, dass etliche Beobachter ihre Zweifel über die Seriosität dieses Anbieters geäussert haben. Lesenswert dazu ist der Beitrag hier.


Wer es also nicht lassen kann und seine Kryptoassets unbedingt schon heute ausgeben möchte und gleichzeitig risikoscheu ist, der entscheide sich für Nuri.

Disclaimer

Die Inhalte stellen weder eine individuelle Anlageempfehlung noch eine Einladung zum Kauf oder Verkauf von Kryptoassets dar. Insight DeFi lehnt jegliche Haftung als Folge von Handlungen basierend auf den Inhalten des Newsletters ab. Das Team von Insight DeFi hält teilweise die in diesem Newsletter vorgestellten Krypotassets in ihren privaten Portfolios.

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