• Pascal Hügli

Wenn Märchen wahr werden

Bullische Sicht versus bärische Perspektive, ein DeFi-Hack als Kryptomärchen, Tacheles zu Ripple, the west no longer the best...


Food for Thought 🍩

Der Krypto-Markt ist derzeit unglaublich spannend. Noch immer sind die Meinungen über den Verlauf der nächsten Wochen bis Monate gespalten. Das bietet natürlich Chancen. Wer sich heute richtig positioniert, kann mächtig Gewinne einheimsen – immerhin dürfte sich Bitcoin über kurz oder lang für eine Richtung entscheiden.

Die bullische Sicht 🐂

Die On-Chain-Analyse zeigt uns weiterhin ein positives Bild. So nimmt die Anzahl Bitcoin, die von sogenannten «Strong Hands» gehalten wird, kontinuierlich zu. Das ist generell ein gutes Zeichen. Gleichzeitig steigt seit Ende Juli auch die Aktivität verschiedener Halter-Gruppen wieder an. Das heisst: Kleine Bitcoin-Halter, mittelgrosse Halter aber auch Whales kaufen Bitcoin.

Die Grafik (Pink) zeigt, dass die Wale wieder einkaufen. Seit dem 27. Juli haben sie ihre Bestände um 107’150 BTC vergrössert.


Der sogenannte «Participation Score» zeigt ein positives Bild. Das ist insofern vielversprechend, als dies bedeutet, dass eben auch die Whales Bitcoin dazu kaufen. Historisch hat es für den Preis meistens dann nichts Gutes verheissen, wenn nur kleine Bitcoin-Halter ihren Bitcoin-Vorrat aufstockten. Natürlich ist eine Preissteigerung niemals in Stein gemeisselt, doch sind höhere Preise jedenfalls nicht auszuschliessen, wenn bei allen Bitcoin-Halter-Gruppen Einkaufsstimmung herrscht.


DU bist kein Whale, willst aber doch wissen, wo du einzuordnen bist? Diese Grafik verrät es dir:


Neben den On-Chain-Analysten sind auch die technischen Analysten gemeinhin wieder bullisch. So wird als gutes Zeichen gewertet, dass Bitcoin diese Woche das Support-Level bei 45k gehalten hat. Einige gehen so weit und glauben, dass die Bullen längst wieder das Zepter am Markt übernommen haben und jeder Preisrückgang kurzfristig sei und daher als Einkaufsmöglichkeit genutzt werden müsse.


Spannend ist auch, dass Bitcoins «Funding Rates» noch immer nahe null sind, was darauf schliessen lässt, dass der Preisanstieg vom Bitcoin-Tief bei 30k auf die gegenwärtigen 47k US-Dollar vor allem durch Spot-Käufe – also Bitcoin-Käufe auf dem Markt ohne Hebelwirkung – getrieben gewesen ist.


Die bärische Perspektive 🐻

Dass die «Fundings Rates flach verlaufen hat auch damit zu tun, dass noch immer einige skeptisch sind, was den Preis betrifft. Deren allgemeine Überzeugung ist: Im April wurde rund um das Elon-Musk-Debakel zu viel Geschirr zerschlagen, als dass der Bitcoin tatsächlich zu neuen Höhenflügen ansetzen könnte. So wird von dieser Seite geraten, erst einmal Bitcoins Monatsabschluss abzuwarten.


Interessant ist, dass sich die wohl populärste Kryptobörse Coinbase seit April eine mächtige Kriegskasse angeeignet hat, um gegen ein mögliches regulatorisches Durchgreifen der US-Börsenaufsicht und einen kommenden Krypto-Winter gefeit zu sein. Weiss Coinbase etwa mehr?


Die entscheidende Frage ist also: Bull oder Bear? Was die Marktpsychologie anbelangt, sind wir entweder in der «Disblief»-Phase und der grosse Bullrun steht uns gegen Ende Jahr noch bevor. Oder wir befinden uns in der «Complacency»-Phase, die uns nach und nach Ernüchterung bringen wird. Wie immer hat niemand von uns die Glaskugel. Wie zu Beginn angekündigt: Die Realität wird bald zeigen, wer letztlich recht behalten wird.


Wo stehen wir gerade?



#Dear Hacker - ein Kryptomärchen in 5 Akten 🐱‍💻


1. Akt: Am Dienstag vor einer Woche (09. August) ging einer der grössten Hacks der DeFi-Geschichte über die Bühne. Ein anonymer Hacker konnte einen Fehler im Computercode des Poly Networks ausnutzen und damit knackige $600 Millionen erbeuten. Kurz darauf hatte Poly Network die Kryptowelt per Twitter über den Hack informiert.


Es tut uns Leid, verkünden zu müssen, das Poly Netwerk attackiert wurde


Da Poly Network auf verschiedenen Blockchains läuft, konnte der Angreifer den Fehler auf Ethereum ($264.8 Million), der Binance Smart Chain ($250.8 Million) und Polygon ($85 Millionen) simultan ausnutzen, womit das kumulierte Ausmass diesen Hack zum Grössten der DeFi-Geschichte machte.


Doch soweit nichts Neues unter der Sonne. Hacks (Angriffe von aussen) und Rug Pulls (Betrügereien durch die Protokoll-Entwicklern) sind in der DeFi-Welt nichts ungewöhnliches. Eine Vielzahl nicht auditierter Protokolle von anonymen Entwicklern auf verschiedensten Blockchains verwalten teilweise innert Stunden oder Tagen nach ihrer Lancierung bereits Gelder in Millionenhöhe. Dass es darunter auch fehlerhafte oder betrügerische Projekte gibt, versteht sich von selbst.


2. Akt: Doch die Geschichte des Poly Network Hacks ist hier noch nicht zu Ende. Denn was macht eine Institution, der soeben $600 Million entwendet wurden? Richtig, man schreibt einen Brief an den Hacker mit der Erinnerung (um nicht zu sagen Drohung), dass seine Tat strafbar war und der anschliessenden Bitte, sich mit einem in Verbindung zu setzen, um Lösungen zu erarbeiten.

Lieber Hacker, bitte nimm Kontakt mit uns auf. Und übrigens, deine Tat war unklug und ein Verbrechen - und zwar weltweit. Lass uns reden und eine Lösung finden.


Natürlich veranlasste dieser etwas unbeholfene Versuch der Schadensbegrenzung die Twitter-Gemeinde unter dem Hashtag #dearhacker zu allerlei kreativer Memes. Eine Kostprobe gefälligst?

Lieber Hacker, das war gute Arbeit. Bitte, gib jetzt die Coins zurück und wir sind quitt.


3. Akt: Als wäre dies alles noch nicht aufregend genug, machte kurz darauf eine weitere Nachricht auf Twitter die Runde. Jemand hatte den Hacker kurz nach seiner Tat gewarnt, dass ein Teil der gestohlenen Coins in USDT auf eine schwarze Liste gesetzt wurden und er diese nicht verwenden soll.


Daraufhin sandte der Hacker dem anonymen Gehilfen 13.37 ETH (circa $42’000). Dies wiederum führte zu einer Flutwelle an weiteren Ratschlägen an die Adresse des Hackers unter dem Hashtag #dearhacker, in der Hoffnung, dass diese ebenfalls mit einer grosszügigen Geste belohnt werden würden (weitere monetäre Danksagungen von Seiten des Hackers sind bislang keine bekannt).


4. Akt: Kurze Zeit später dann meldete sich der immer noch anonyme Hacker zu Wort und gab zu Protokoll, dass er nach der Entdeckung des Fehlers die Verantwortung auf sich genommen habe, die verwundbare Stelle mit Hilfe eines Hacks aufzudecken, bevor dies jemand anders tun konnte. Er habe den Hack mit redlichen Motiven vorgenommen - aber auch, weil ein so anspruchsvoller Hack eben Spass bereite.


5. Akt: Es ist der 11. August 2011. Seit dem Hack sind erst 2 Tage vergangen. Der immer noch anonyme Hacker hatte am Morgen des gleichen Tages auf eigenen Antrieb hin seine Bereitschaft erklärt, die entwendeten Gelder zurückzuerstatten. Er sendet zuerst $10’000 an eine Wallet des Poly Networks. Kurze Zeit später folgt eine weitere Transaktionen über $1 Million Dollar. Danach noch einige mehr. Zwei Tage später hatte der Hacker sämtliche Gelder zurückgegeben, was Poly Network mit einer Meldung bestätigt. Einzig die $30 Millionen blacklisted USDT, welche von Tether noch immer blockiert sind, sind noch ausstehend.

Ausserdem wurde bekannt, dass Poly Network dem Hacker $500’000 für die Rückgabe der Gelder angeboten hatte, was dieser aber dankend ablehnte. Als er gefragt wurde, wieso er die Beute zurückgebe, antwortete er: Ich habe schon getan, was ich am meisten geniesse: hacken und helfen.


Poly Network hat den Fehler im Code mittlerweile behoben und ist dabei, die Gelder den entsprechenden Nutzern zurückzuerstatten. Ende gut, alles gut?


Ein Happy End mit !!!Lerncharakter!!! und ???Fragezeichen???


Die etwas schräg anmutende Geschichte dürfte bei vielen Kryptoenthusiasten für Stirnrunzeln gesorgt haben. Nicht nur die Gegebenheit, dass ein Mensch freiwillig $600 Millionen zurückgibt, ist verwunderlich. Auch die Tatsache, dass Tether innerhalb einer Stunde nach Bekanntwerden des Hacks die entsprechenden USDT bereits eingefroren hatte, ist erstaunlich. War es nicht das erklärte Ziel von DeFi, dezentralisiert und zensurresistent zu sein, um zu verhindern, dass einzelne, zentralisierte Entitäten solche Verfügungsgewalt über persönliche Ressourcen haben? Wie ist es da möglich, dass beim grössten und wichtigsten Stablecoin genau dies nicht der Fall ist?


Auch wurde einem einmal mehr vor Augen geführt, dass die Welt des DeFi zwar pseudonym, aber doch höchst transparent ist. Jede Transaktion, die der Hacker vorgenommen hatte, konnte genau nachverfolgt werden und aufmerksame Beobachter wussten zu jeder Zeit, auf welcher Wallet die gestohlenen Gelder gerade liegen. Die entsprechenden Coins konnten somit markiert (flagged) werden, womit diese für den Hacker nur unter stark erschwerten Bedingungen überhaupt brauchbar gewesen wären.


Zu guter Letzt wurde auch deutlich, dass Code fehlbar ist. Schnelle Innovation birgt Risiken und fehlerhafter Code und Sicherheitslücken sind gerade bei neueren Protokollen keine Seltenheit. Deshalb gilt: es prüfe, wer sich bindet. Seriöse Projekt lassen ihren Code immer öfters von externen Spezialisten prüfen und weisen dies auch aus. Dies gibt zwar keine 100%ige Sicherheit, aber doch ein gewisses Grundvertrauen. Ansonsten gilt es sich bewusst zu sein, dass an vorderster DeFi-Front zwar gute Gewinne locken, aber eben auch hohe Risiken verborgen sind.



Ripple: Der Bölimann vom Dienst? 🤪


Ripple polarisiert. Einige sehen darin einen schlechten Scherz, der es nicht wert ist, mit dem eigentlichen Krypto-Ethos in Verbindung gebracht zu werden. Andere sind der Meinung, dass nur Ripple das Zeug hat, in der traditionellen Finanzwelt auch tatsächlich Fuss zu fassen.


Ripple wird oft als «permissioned Blockhain» beschrieben. Das ist gleich doppelt falsch. Bei Ripple handelt es sich nämlich um das gewinnorientierte Unternehmen, welches das Ripple-Ökosystem managt, und nicht um die Blockchain selbst. Letztere existiert in der Form des XRP Ledgers (XRPL) und bildet das öffentlich zugängliche Herzstück der Ripple-Infrastruktur. Um als Validator für XRPL tätig zu sein, braucht es keine Erlaubnis.


Ein besserer Bitcoin?


XRPL wurde anfangs 2012 von drei Entwicklern – David Schwartz, Jed McCaleb und Arthur Britto – ins Leben gerufen. Inspiriert war XRPL von Bitcoin und zwar als eine alternative Blockchain, die kein Mining braucht. Anders als das für die Einheiten der Mutter aller Kryptowährungen der Fall ist, wurden sämtliche XRPs – die hauseigenen Coins des XRP Ledgers – von Beginn weg geschaffen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Pre-Mine. So existieren gesamthaft 100 Milliarden XRP. 80 Milliarden davon wurden der Ripple-Firma von den XRPL-Gründern geschenkt. Die restliche Coins haben die Gründer unter sich aufgeteilt.


Gegenwärtig im Umlauf sind etwas über 46 Milliarden XRP. 2017 hat man sich bei Ripple dazu entschlossen, 55 Milliarden XRP auf dem XRPL Ledger zu hinterlegen. Das heisst: Diese Coins sind gebunden und werden nach einem vordefinierten Zeitplan durch das Protokoll freigegeben. Über sogenannte «Escrows» werden während 55 Monate jeweils 1 Million XRP freigesetzt. Ripple will diese vor allem für das Market-Making verwenden. Alle Coins, die keine Verwendung finden, werden wieder in einen neuen «Escrow» gegeben.



Wie sich zeigt, unterscheiden sich XRP (die Währung), XRPL (die Blockchain) und das Ripple-Netzwerk in einigen wichtigen Punkten von Bitcoin. Zwar hat Ripple als Unternehmen nicht freie Hand, doch geniesst es, nicht zuletzt aufgrund seiner Market-Making-Funktion für den Coin, einen gewissen Grad an Einfluss. Ähnliche Entitäten gibt es bei Bitcoin nicht. Auch wurden Bitcoin-Einheiten nicht vorproduziert. Der Pre-Mine bei Ripple hat die US-Börsenaufsicht hellhörig werden lassen, welches die Firma eines nicht registrierten Wertschriftenverkaufs bezichtigt hat. Noch laufen die Ermittlungen und es ist unklar, welchen Ausgang diese nehmen werden.


Auf verlorenem Posten


Die Vision Bitcoins ist heute mannigfaltig: Digitales Gold, globales Settlement-Netzwerk, interneteigenes Geld oder Finanzsystem 2.0 – all das will Bitcoin dereinst sein. Während Bitcoin diese Dinge alternativ zum bestehenden Finanzsystem erreichen will, hat sich Ripple zwar einen bescheideneren, aber im traditionellen System verankerten Anwendungsfall herausgesucht. So sollen insbesondere grenzüberschreitende Zahlungen – sogenannte cross-border payments – optimiert werden. Ripple hat es vor allem auf die traditionellen Korrespondenzbanken abgesehen. Als solches vereint das Ripple-Netzwerk die Ebenen der Transaktionen sowie das Meldesystem, das gemeinhin als SWIFT bekannt ist. Das System ist live, funktionsfähig und wird von einigen Banken auch verwendet.


Die mehrschichtige Funktionsweise des Ripple-Netzwerkes


Mit SWIFT hat sich Ripple aber einen echten Konkurrenten ausgesucht. Das System ist heute unter Banken derart etabliert, dass die Erfolgschancen schwierig stehen. Wie von Betroffenen hinter vorgehaltener Hand bestätigt, hat man ihnen von Bankenseite gedroht, ihre traditionelle Korrespondenzbankbeziehungen aufzukündigen, würde das Ripple-System weiter genutzt.


Die eigentliche Frage ist jedoch, ob eine private Firma wie Ripple mittels eigenem Coin den internationalen Zahlungsverkehr innerhalb des traditionellen Finanzsystems erobern wird. Viel wahrscheinlicher scheint, dass Zentralbanken ihre eigenen Systeme lancieren werden. Zwar könnte der XRPL als Grundlageninfrastruktur für verschiedene digitale Zentralbankenwährungen verwendet werden, doch bliebe die Funktion und damit der nachhaltige Triumph von XRP ungeklärt.



Insight DeFi in den News 📰


Erst kürzlich durfte Insight DeFi in den traditionellen Finanzmedien den Use Case für Bitcoin etwas genauer ausführen. Dabei wurde vor allem auch das Lightning-Netzwerk thematisiert und wie dieses Netzwerk Bitcoin zu einem Zahlungsmittel macht, ohne wirklich Zahlungsmittel zu sein. All das ist Insight DeFi-Lesern aus einem früheren Beitrag natürlich schon bekannt.

Seit diesem Beitrag ist das Lightning-Netzwerk weiter gewachsen. Interessant ist, das immer mehr Exchanges und Apps Lightning integrieren. So zum Beispiel Bitnob oder IBEX Mercado. Beides sind das Akteure, die kaum der «entwickelten» Welt zuzuordnen sind. Bitnob ist in Nigeria, IBEX Mercado in Guatemala.


Diese Tatsache zeigt uns auf: An der eigentlichen Verwendung von Bitcoin wirklich interessiert sind Länder und Menschen, die Bitcoin wirklich nötig haben. Aus diesen Ländern wird auch die Adoption kommen. Bitcoin will eben echte Alternative sein und das für jene, die bislang kaum in den Genuss monetärer Technologien gekommen sind.


Die Frage, die sich stellt: Wo bleiben die westlichen Kryptohandelsbörsen bei der Etablierung des Lightning-Netzwerk? Zynische Stimmen werfen ein, dass diese lieber den Handel diverser Shitcoins im Altcoin-Casino ermöglichen. Während man sich im Westen also darüber freut, dass Cardano durch die Decke geht, obschon eine Google-Nachfrage nach möglichen Nutzungsmöglichkeiten Cardanos kaum Resultate zutage fördert, scheinen andere Länder in gewissen Protokollen echten Nutzen zu finden. So zum Beispiel auch im Blockchain-Game Axie Infinity, dass wir in unserem letzten Newsletter-Beitrag thematisiert haben. Eine spannende Doku dazu, wie das Game die Philippinen aufrüttelt, findet sich hier.


Wir halten es daher mit Balaji Srinivasan, der meinte, dass wir schon bald nicht mehr von der entwickelten Welt und Entwicklungsländer sprechen sollten. Viel treffender wäre da die Formulierung: rückläufige versus aufstrebende Welt.



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